Pferde richtig anweiden

Die Tage werden länger, die Temperaturen steigen, die Sonne zeigt sich wieder häufiger und auf den Wiesen und Feldern sind die ersten grünen Halme zu sehen. Nicht nur die Pferde, sondern auch ihre Besitzer und die Stallbetreiber warten sehnsüchtig auf das Anweiden und den ersten Koppelgang. Die Weidesaison kann in der Regel Mitte April bis Anfang Mai eröffnet werden. Dieser Zeitpunkt kann sich – je nach Standort und Wetterlage – um einige Tage bis Wochen vor- oder zurückschieben. Der Übergang von der reinen Stall- und Paddockhaltung mit Heufütterung zur Weidesaison mit saftigem Gras ist aus ernährungsphysiologischer Sicht eine kritische Zeit. Sie stellt eine Umstellung für den gesamten Organismus dar. Im Rahmen eines richtigen Anweide-Managements gewöhnt sich der Körper des Pferdes langsam an die neuen Nährstoffe und Krankheiten wie Koliken und Hufrehe können vermieden werden.

 

Wie gelingt das Anweiden?

Häufig wird gefragt, wie lange man ein Pferd im Frühjahr anweiden muss. Eine feste Grundregel gibt es dafür nicht, da jedes Pferd anders mit der Gewöhnung an frisches Gras umgeht und  jeder Pferdeorganismus unterschiedlich darauf reagieren kann. Grundsätzlich kann man sich jedoch nach folgender Empfehlung richten:

Am ersten Tag des Anweidens genügen 15 bis 20 Minuten auf der Weide, auch wenn die Pferde nicht begeistert sein werden nach so kurzer Zeit wieder zurück in den Stall zu müssen. Außerdem ist es sinnvoll, die ersten Weidebesuche auf den Nachmittag zu verlegen. Zu diesem Zeitpunkt ist der Fruktangehalt in den Gräsern geringer als in den Morgenstunden. In den ersten beiden Wochen des Anweidens im Frühjahr, kann man die Weidezeit jeden Tag um 15 bis 20 Minuten verlängern. Anschließend kann in den nächsten ein bis zwei Wochen die Weidezeit täglich um  eine halbe Stunde ausgedehnt werden. Der Organismus braucht etwa vier Wochen für die komplette Umstellung, danach können die Pferde problemlos über mehrere Stunden auf die Koppel.

Tipp: Vor dem richtigen Anweiden auf der Weide können die Pferde schon an der Hand an das frische Gras gewöhnt werden. So kann man die Fresszeit noch langsamer und schonender an jedes Pferd anpassen und individuell auf die Bedürfnisse der Pferde eingehen.

 

Warum langsam anweiden?

Damit die Darmflora genügend Zeit hat sich an das neue Futterangebot anzupassen, muss die Umstellung langsam erfolgen.

Generell gilt Gras für Pferde als gesunde Futterquelle, dies trifft allerdings nur zu, wenn die Faktoren des Weidemanagements stimmen. Dazu zählen beispielsweise die Zusammensetzung der Pflanzen und die Düngung. Im Frühjahr, wenn das Gras noch frisch und relativ kurz ist, sind Eiweiße und Kohlenhydrate, insbesondere Fruktane, in großen Mengen im Gras vorhanden. Der übermäßige Verzehr und vor allem eine zu schnelle Umstellung des Futters kann ein Gesundheitsrisiko für Pferde darstellen und zu gefährlichen Verdauungs- und/oder Stoffwechselproblemen wie z.B. Hufrehe, Kolik oder Durchfall führen.

Viele Pferde leiden während der Anweide-Phase unter Durchfall oder anderen Darmproblemen. Die Darmflora passt sich dem aktuellen Futterangebot an. Da die Fütterung in der kalten Jahreszeit hauptsächlich aus strukturiertem Heu bzw. Heulage und Stroh besteht, haben sich über die Wintermonate besonders Bakterien etabliert, die auf die Verdauung dieser faserreichen und proteinarmen Futtermittel spezialisiert sind. Nimmt das Pferd nun im Frühjahr vermehrt wasser- und proteinreiches junges Gras auf, muss sich die Darmflora dementsprechend adaptieren.

Diese Anpassung braucht ihre Zeit und kann bis zu 14 Tage dauern. Richtig Anweiden bedeutet deswegen, das Pferd langsam an das junge Gras zu gewöhnen. Erfolgt das Anweiden der Pferde zu rasch, sind die im Dickdarm der Pferde vorhandenen Bakterien nicht in der Lage die Nahrung richtig aufzuschließen. Als Folge können beim Pferd wässriger Durchfall, starke Blähungen und schwere Koliken während des Anweidens auftreten. Bevor die Pferde auf die Wiese gelassen werden, sollte das Gras schon ca. zwei Handbreit hoch gewachsen sein. Im besten Fall ist die Wiese dauerhaft in Teilstücke abgetrennt, sodass sich das Gras immer wieder erholen und nachwachsen kann – positiver Nebeneffekt: Die Futtermenge kann so eingegrenzt werden.

 

Gesundheit in der Weidezeit

Die Voraussetzung für den Weidegang ist natürlich die entsprechende Vorbereitung der Wiese: Es muss immer genügend sauberes Wasser vorhanden sein, die Weide sollte regelmäßig auf giftige Pflanzen untersucht werden und die Umzäunung der Weide muss unbedingt verletzungs- und ausbruchssicher sein.

Pflanzen speichern die Energie, die sie bei der Photosynthese gewinnen, in Form von Fruktanen. Das sind langkettige Zuckermoleküle, die den Dünndarm des Pferdes unverdaut passieren und dann im Dickdarm fermentiert werden. Durch diese Fermentation sinkt der pH-Wert im Darm drastisch ab. Dies führt zu einem Absterben der Darmbakterien. Hierbei werden Toxine (Gifte) gebildet, die über die Darmwand in die Blutbahn gelangen und die Gefäße schädigen. Insbesondere in den Körperregionen, in denen sich die feinsten Blutgefäße befinden, ist der Schaden groß. Hierzu zählt auch die empfindliche Huflederhaut. Diese sensible Verbindung zwischen Hufbein und Hufkapsel wird angegriffen und es kommt zur gefürchteten Hufrehe. Viele Jahre galten hohe Eiweißgehalte im Futter als Hauptauslöser für die Hufrehe. Heute weiß man, dass es insbesondere Fruktane sind, die diese schlimme Krankheit verursachen. Besonders groß ist die Hufrehe-Gefahr für Pferde während der Anweide-Phase, denn im Frühjahr ist das Gras sehr fruktanreich.

Viele Ponys neigen dazu ohne Pause zu fressen. Hier kann es nötig sein, die täglichen Intervalle langsamer zu steigern. In Einzelfällen ist auch der Einsatz einer Fressbremse sinnvoll, um die Aufnahme von Gras zu regulieren. Das Gleiche gilt für dicke Pferde. Das energie- und eiweißreiche Gras muss in der Rationsberechnung und im Bewegungsprogramm berücksichtigt werden. Sonst frisst sich das Pferd noch mehr Speck an.

 

Fütterung während der Weidezeit

Die wenigsten Pferde decken ihren kompletten Energie- und Eiweißbedarf über das Weidegras. In der Regel wird Heu, gutes Futterstroh oder auch Kraftfutter zugefüttert. Wieviel Gras ein Pferd pro Tag frisst kann man nur schwer abschätzen; die aufgenommene Menge ist von verschiedenen Faktoren abhängig und variiert sehr stark. In vielen Fällen kann man die Kraftfutter- und auch die Heuration kürzen. Empfehlenswert ist, zuerst die Kraftfutterration zu reduzieren und zu beobachten, wieviel Heu das Pferd frisst. Bleibt viel Heu übrig, so kann auch die Heuration verkleinert werden.

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